Kapitel 3

Woher kommt die Idee von den Jahrmillionen?

von am
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Die meisten Menschen, auch in den Kirchen, sehen als gegeben an, dass die Erde und das Universum Millionen und Abermillionen Jahre alt sind (wenn nicht gar Jahrmilliarden). In der Schule werden lange Zeiträume gelehrt – wer sie hinterfragt, wird belächelt. Doch das war nicht immer so. Es ist wichtig zu verstehen, wie diese Veränderung zustande gekommen ist und warum.

Same Rocks

Dieselben Funde werden völlig unterschiedlich interpretiert

Die Anfänge der Geologie

Erst seit etwa zwei Jahrhunderten ist die Geologie ein eigenständiger Wissenschaftszweig mit systematischen Feldstudien, der Sammlung und Klassifikation von Gesteinen und Fossilien (Versteinerungen) und der Entwicklung theoretischer Rekonstruktionen, wie diese Gesteinsschichten und Fossilien entstanden sein könnten.

Schon die alten Griechen fanden Versteinerungen – und viele hielten sie für Überbleibsel von Lebewesen, die zu Stein verwandelt worden waren. Viele Kirchenväter (darunter Tertullian, Chrysostomos und Augustinus) führten sie auf die Sintflut zurück. Doch andere betrachteten die Fossilien entweder als einen Streich der Natur, als Gestein, das irgendwie mit Leben erfüllt wurde, als Schöpfungswerk Gottes oder vielleicht sogar als Teufelswerk (um den Menschen zu narren). Diese Debatte hatte sich erledigt, nachdem Robert Hooke (1635–1703) anhand eines versteinerten Holzstücks unter dem Mikroskop bestätigte, dass Fossilien mineralisierte Überbleibsel von Lebewesen sind.

Der Däne Niels Steensen (1638–1686), auch (latinisiert) Nicolaus Steno genannt, Anatom und Geologe, war bis 1750 einer der wichtigsten Denker der Geologie. Er formulierte das „Lagerungsgesetz“: Die Sedimentschichten entstanden sukzessiv (aufeinanderfolgend) und wurden im Wesentlichen horizontal abgelagert, von unten nach oben. In seinem Vorläufer (Vorabveröffentlichung, 1669) bezeugte er seinen Glauben an eine etwa 6000 Jahre alte Erde und daran, dass die fossilhaltigen Gesteinsschichten in der Sintflut abgelagert wurden. Etwa ein Jahrhundert lang schrieben andere Geologen Bücher, in denen sie im Wesentlichen diese Sicht bekräftigten, so der Engländer John Woodward (1665–1722) und der Deutsche Johann Lehmann (1719–1767).

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts verwarfen einige französische und italienische Geologen den Sintflutbericht der Bibel und schrieben der Gesteinsüberlieferung eine natürliche Entstehung zu, über einen langen Zeitraum hinweg. Die Idee von den Jahrmillionen lässt sich u. a. zurückführen auf einige bekannte Franzosen: Der Naturforscher Comte de Buffon (1707–1788) stellte sich in seinem Buch Epochen der Natur (1778, dt. 1781) vor, dass die Erde einst wie ein heißer flüssiger Ball war und etwa 75 000 Jahre lang abkühlen musste bis zu ihrem gegenwärtigen Zustand; doch Forscher haben in unveröffentlichten Schriftstücken gefunden, dass er glaubte, die Erde sei sehr viel älter. Der Astronom Pierre Laplace (1749–1827) schlug in seiner Darstellung des Weltsystems (1796, deutsch 1797) die „Nebularhypothese“ vor; diese Theorie besagt: Einst sei das Sonnensystem eine heiße, sich drehende Gaswolke gewesen; über lange Zeiträume hinweg sei sie allmählich abgekühlt und kondensiert, so seien die Planeten entstanden. Jean-Baptiste de Lamarck (1744–1829), Spezialist für Schalentiere, vertrat in seiner Zoologischen Philosophie (1809, dt. 1876) eine Theorie der biologischen Evolution, also der Entwicklung der Lebewesen im Lauf der Erdgeschichte über lange Zeitalter hinweg.

Abraham Werner (1749–1817) war Professor der Mineralogie in Freiberg (Sachsen). Er glaubte, der größte Teil der Erdkruste habe sich im Laufe von etwa einer Jahrmillion chemisch oder mechanisch herauskristallisiert (präzipitiert) aus einem sich langsam zurückziehenden Weltmeer. So bestechend einfach und plausibel das klingt – Werner hatte die Versteinerungen außer Acht gelassen. Ein schwerwiegender Fehler! Denn Fossilien sagen viel darüber aus, wann und wie schnell sich die Sedimente ablagerten und zu Stein wurden. Viele große Geologen des 19. Jahrhunderts hatten bei Werner studiert; sie übernahmen seine Idee, die Erde habe eine sehr lange Geschichte.

James Hutton (1726–1797) in Schottland entwickelte eine andere Theorie der Erdgeschichte. Nach dem Medizinstudium übernahm er für einige Zeit das Landgut seiner Familie, aber schon bald entdeckte er seine wahre Liebe: die Erforschung der Erde. 1788 veröffentlichte er einen Fachartikel und 1795 ein Buch, beide unter dem Titel Theorie der Erde. Er schlug vor, dass die Kontinente langsam abgetragen und das Material in die Ozeane transportiert wurde. Diese Sedimente seien durch die innere Hitze der Erde allmählich ausgehärtet und hätten sich dann durch Bewegungen der Erdkruste angehoben, um zu neuen Landmassen zu werden. Diese seien wiederum abgetragen, in die Ozeane transportiert, gehärtet und angehoben worden. So war die Geschichte der Erde – aus seiner Sicht – zyklisch und er konstatierte, dass er in der Gesteinsüberlieferung keine Anzeichen eines Beginns finden konnte. Mit dieser Aussage machte er die Erdgeschichte unendlich lang.

Cuvier

Georges Cuvier (1768–1832)

Die Debatte entbrennt: Große Katastrophen oder Uniformitarianismus, also „ewig dasselbe“?

Weder Werner noch Hutton schenkten den Fossilien große Beachtung. Anfang des 19. Jahrhunderts jedoch trat Georges Cuvier (1768–1831) auf, ein französischer Zoologe mit den Schwerpunkten Vergleichende Anatomie und Paläontologie der Wirbeltiere. Er war ein Verfechter des Katastrophismus; seine Kataklysmentheorie kommt am deutlichsten zum Ausdruck in seinem Werk Diskurs über die Veränderungen der Erdoberfläche (1812, dt. 1825). Cuvier glaubte, im Laufe der langen und unzähligen Zeitalter der Erdgeschichte hätten viele katastrophische Überschwemmungen regionalen bis nahezu globalen Ausmaßes Kreaturen zerstört und in den Sedimenten begraben. Mit Ausnahme einer einzigen hätten diese Katastrophen vor der Erschaffung des Menschen stattgefunden.

William Smith (1769–1839) war Ingenieur für Bodenentwässerung und Landvermesser und kam in ganz England herum; er war fasziniert von den Schichten und Fossilien. Wie Cuvier vertrat er eine katastrophistische Langzeit-Vorstellung der Erdgeschichte. In drei Werken (1815–1817) präsentierte er die erste geologische Karte von England und Wales und erklärte eine Anordnung und relative Chronologie der Gesteinsformationen als definiert durch bestimmte, typische Versteinerungen (Leitfossilien). Man nennt ihn den „Vater der englischen Stratigraphie“, denn von ihm stammt die Methode, den Gesteinsschichten eine relative Entstehungszeit zuzuweisen aufgrund der darin gefundenen Fossilien.

Lyell

Charles Lyell (1797–1875)

Dann kam Charles Lyell (1797–1875), Jurist und ehemaliger Buckland-Schüler. Er veröffentlichte seine Principles of Geology, ein dreibändiges Werk (1830–1833, dt. Lehrbuch der Geologie, 1832–1834). Das war ein schwerer Schlag für den Katastrophismus.

Lyells Lehrbuch griff Huttons Ideen auf, baute sie aus und gab damit vor, nach welchen Prinzipien seiner Ansicht nach Erdkruste und Gestein gedeutet werden sollten. Wichtige Bedingung seines radikalen Aktualismus (Uniformitarianismus): Was wir heute im Gestein sehen, also die Gesteinsüberlieferung aufgrund früherer geologischer Aktivitäten, sollte nur interpretiert werden anhand von aktuellen Vorgängen und zwar mit den gegenwärtig beobachtbaren Messwerten von Häufigkeit und Stärke. Anders ausgedrückt, sagte Lyell: Es war schon immer so, wie es heute ist; geologische Veränderungsprozesse sind im Laufe der Erdgeschichte immer gleichförmig abgelaufen. Lyell bestand darauf, eine kontinentale oder gar globale Flutkatastrophe habe es nicht gegeben.

Die Wirkung Lyells auf das Schwinden des Fürwahrhaltens von Sintflutbericht und Zeitrechnung der Bibel wird oft überschätzt. Allerdings hatten viele Christen (Geologen und Theologen) schon vor Erscheinen des Lehrbuchs begonnen, in diesen Punkten die Autorität der Bibel zu untergraben. Hatte die Katastrophentheorie die geologische Bedeutung der Sintflut bereits stark gemindert und die Geschichte der Erde weit über die traditionell biblische Sicht hinaus verlängert, so versetzte Lyells Werk dem Glauben an die Sintflut den letzten Stoß. Die gesamte Gesteinsüberlieferung erklärte er durch langsame, schrittweise Prozesse und machte damit die Sintflut zu einer geologischen Randerscheinung. Der Katastrophismus starb nicht sofort aus, doch Ende der 1830er-Jahre hatte er nur noch wenige Anhänger, und diese hielten die Sintflut für geologisch unbedeutend.

Ende des 19. Jahrhunderts schätzten fast alle Geologen das Alter der Erde auf Hunderte von Jahrmillionen. Ab 1903 wurden radiometrische Datierungsmethoden entwickelt, so stieg im Laufe des 20. Jahrhunderts das angenommene Alter der Erde auf 4,5 Milliarden Jahre an.1

Die Reaktion der Christen auf die Theorien von einer langen Geschichte der Erde

Chalmers

Thomas Chalmers (1780–1847)

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lehnten viele Christen in England und Amerika die Theorien der Katastrophisten und der Uniformitarianer von einer langen Erdgeschichte entschieden ab. Eine Reihe von Autoren in England (und einige wenige in Amerika) – ihre Gegner nannten sie „Bibel-Geologen“ – widersprachen diesen Theorien und führten dafür Argumente aus Bibel, Philosophie und Geologie ins Feld. Einige von ihnen waren Naturwissenschaftler, einige waren Geistliche, und manche dieser Geistlichen waren zugleich in der Naturwissenschaft bewandert, das war damals nichts Ungewöhnliches. Viele von ihnen waren nach den Maßstäben ihrer Zeit in der Geologie sogar sehr kompetent, sie kannten die Fachliteratur und hatten Gesteine und Fossilien sorgfältig beobachtet. Diese Autoren glaubten, dass der Schöpfungs- und Sintflutbericht im 1. Buch Mose die Belege, die in Gestein und Fossilien zu beobachten sind, viel plausibler erklärt, als die Theorien von einer langen Geschichte der Erde das tun.2

Andere Christen am Anfang des 19. Jahrhunderts waren schnell bei der Hand, die Idee von den Jahrmillionen zu übernehmen. Sie versuchten, diese in das 1. Buch Mose einzubauen, obwohl die Uniformitarianer und Katastrophisten noch darüber debattierten und die Geologie als Wissenschaft noch in den Kinderschuhen steckte:

Figure 1

Im Jahr 1804 begann der 24-jährige Presbyterianer Thomas Chalmers (1780–1847) zu predigen, Christen sollten die Jahrmillionen akzeptieren; 1814 schlug er in einer Rezension von Cuviers Buch vor, diese riesigen Zeiträume könnten zwischen 1. Mose 1,1 und 1,2 gelegen haben.

Als Professor der Theologie wurde Chalmers zum Führer der Evangelikalen in seiner Kirche (u. a. als Initiator der Gründung der Evangelischen Allianz im Jahr 1846; Anm. d. Hrsg.), und so fand seine „Lückentheorie“ weite Verbreitung.

Seit 1823 setzte sich der anglikanische Theologe George Stanley Faber (1773–1854) für die Tag-Epoche-Theorie ein; diese Sichtweise hält dafür, dass die Schöpfungstage keine gewöhnlichen Tage waren, sondern allegorisch für lange Zeitalter stehen.

Um diese geologischen Zeitalter zu akzeptieren, mussten Christen auch die Sintflut neu interpretieren. In den 1820er-Jahren behauptete der presbyterianische Geistliche John Fleming (1785–1857), die Sintflut sei sehr geruhsam gewesen und habe deshalb keine bleibenden geologischen Spuren hinterlassen. John Pye Smith (1774–1851), ebenfalls Theologe (Kongregationalist), sah in der Sintflut nur eine begrenzte Überschwemmung im Zweistromland (heute: Irak).

Anfang des 19. Jahrhunderts war in den Kirchen Europas die liberale Theologie vorherrschend; in den 1820er-Jahren hielt sie allmählich Einzug in England und Nordamerika. Die Liberalen hielten 1. Mose 1–11 für genauso unhistorisch, unzuverlässig und unwissenschaftlich wie die Schöpfungsund Sintflut-Mythen der alten Babylonier, Sumerer und Ägypter.

Trotz der Bemühungen der Bibel-Geologen setzten sich die zahlreichen Umdeutungen durch, die versuchten, das Buch Genesis zu vereinbaren mit einer langen Geschichte der Erde, und ab 1845 verwarfen alle Kommentare zum 1. Buch Mose die Zeittafel der Bibel und die Sintflut. Als 1859 Darwins Vom Ursprung der Arten erschien, hatte die Kirche den Glauben an eine kurze Geschichte der Erde im Wesentlichen über Bord geworfen.

Von nun an akzeptierten die meisten Kirchenleiter und Theologen die Jahrmillionen und beteuerten, das Alter der Erde sei absolute Nebensache – und bald folgten ihnen viele gottesfürchtige Leute und übernahmen auch die Idee von der Evolution. Hier nur einige wenige Beispiele: Der Baptistenpastor Charles Haddon Spurgeon (1834–1892), der „Predigerfürst“, der vielen Menschen zum Segen wurde, lehnte die biologische Evolution (Entwicklung der Lebewesen) ab; doch leider übernahm er kritiklos die Theorie von einer langen Geschichte der Erde. Zwar hat er nie erklärt, wie man diese langen Zeiträume in die Bibel einpassen kann, aber es scheint, dass er in all den Jahren seines Dienstes an die Lücken-Theorie glaubte. 1855 sagte der Einundzwanzigjährige in einer Predigt:

Kann mir jemand sagen, wann der Anfang der Welt war? Vor einigen Jahren dachten wir noch, der Anfang dieser Welt sei gewesen, als Adam diese betrat: aber wir haben entdeckt, dass Jahrtausende zuvor Gott die chaotische Urmaterie vorbereitet hat, um sie zu einem geeigneten Wohnort für den Menschen zu machen, indem er die Rassen von Lebewesen darauf gesetzt hat, die starben und Spuren seines Werkes und seiner wunderbaren Fähigkeiten hinterließen, bevor er die Erschaffung des Menschen wagte.3

Charles Hodge (1797–1878), presbyterianischer Theologe an der Predigerschule „Princeton Seminary“, legte Wert darauf, dass das Alter der Erde unwichtig sei. Zunächst vertrat er die Lückentheorie; später ging er zur Tag-Epoche-Theorie über. Ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod trug dieser Kompromiss die traurige Frucht, dass in Princeton liberale Theologie gelehrt wurde (und noch wird).4

Cyrus I. Scofield, der Herausgeber der Scofield-Studienbibel, die von Millionen von Christen auf der ganzen Welt geschätzt wird, verweist in der Anmerkung zu 1. Mose 1,2 auf die Lücken-Theorie. In jüngerer Zeit hat ein angesehener Alttestamentler so argumentiert: „Bei flüchtiger Lektüre von 1. Mose 1 kann man den Eindruck gewinnen, der gesamte Schöpfungsprozess habe sich in sechs 24-Stunden-Tagen ereignet. Sollte der hebräische Autor das wirklich so gemeint haben . . . dann scheint es der modernen wissenschaftlichen Forschung zu widersprechen; die lässt nämlich erkennen, dass der Planet Erde vor mehreren Jahrmilliarden entstanden ist . . .“5

Zahlreiche ähnliche Aussagen christlicher Gelehrter und Leiter aus den letzten Jahrzehnten würden belegen, dass ihre Interpretation des Schöpfungsberichts auf der Annahme beruht, die Geologen hätten die Jahrmillionen eindeutig nachgewiesen. Infolgedessen haben die meisten Bibelschulen, theologischen Hochschulen und christlichen Fachhochschulen in aller Welt die Jahrmillionen akzeptiert und erklären, das Alter der Erde sei unwesentlich.

Figure 2

Kompromiss unnötig

Die traurige Ironie dieses ganzen Kompromisses: Die Forschungen der Evolutionisten haben im letzten halben Jahrhundert zunehmend bestätigt, was in 1. Mose 1–11 geschrieben steht – oft, ohne das zu wollen. Bis um 1970 war Lyells uniformitarianistisches Lehrbuch in der Geologie unumstritten, doch dann stellten Derek Ager (1923–1993), ein britischer Geologe, und einige Zeitgenossen die Annahmen von Lyell zunehmend in Frage und argumentierten, ein großer Teil der Schichten belege eine schnelle katastrophische Erosion oder Sedimentation – was den Zeitbedarf für die Bildung der Sedimente erheblich reduzierte. Ager, der bis zuletzt Atheist war (soweit man es seinen Schriften entnehmen kann), erklärte den Einfluss Lyells auf die Geologie so:

Meine Entschuldigung für diesen langatmigen und dilettantischen Exkurs in die Geschichte: Ich habe versucht zu zeigen, wie meiner Meinung nach die Geologie in die Hände der Theoretiker [Uniformitarianer] fiel, die mehr durch die Sozial- und Politikgeschichte ihrer Zeit geprägt waren als durch Beobachtungen auf diesem Sachgebiet … Anders ausgedrückt: Wir haben uns eine Gehirnwäsche gefallen lassen, die jede Interpretation der Vergangenheit verbietet, die extreme und sogenannte „katastrophische“ Prozesse erforderte.6

Diese „neokatastrophistischen“ Gesteins-Neudeutungen gingen einher mit dem Wiederaufleben einer Geologie, die den Sintflutbericht ernst nahm. Diese Sicht auf die Erdgeschichte ist der Auffassung der Bibel-Geologen des 19. Jahrhunderts sehr ähnlich; sie ist wesentlicher Bestandteil des Junge-Erde-Kreationismus, der vor allem durch das Werk The Genesis Flood (1961) von Dr. John Whitcomb und Dr. Henry Morris ins Leben gerufen wurde; die deutsche Übersetzung Die Sintflut erschien 1977. Diese Bewegung umspannt inzwischen die ganze Welt, und die biologischen und geologischen Modelle werden mit der Zeit wissenschaftlicher, detaillierter, akademisch anspruchsvoller.

Morris

Henry Morris (1918–2006)

Whitcomb

John Whitcomb (geb. 1924)

Aber es gibt unter Christen auch andere Ansichten; viele argumentieren: Das schlüssigste und akzeptabelste Modell sei das des „Intelligent Design“. Dieses besagt, dass die Entstehung des Lebens (und dass so vieles auf der Erde und im Weltall perfekt zusammenpasst) nur dann plausibel zu erklären sei, wenn es dafür einen intelligenten Urheber gebe. Allein durch Zufall und natürliche Auslese könne das alles nicht so geworden sein. Der Schöpfungsbericht der Bibel sei jedoch nicht wörtlich zu verstehen.

Das ist nichts Neues; zu dieser Strategie griff man schon vor zweihundert Jahren: Anfang des 19. Jahrhunderts erschienen viele Werke im Sinne der „Naturtheologie“; Höhepunkt waren in den 1830er-Jahren die acht Bände, die als „Bridgewater Treatises“ bekannt wurden (Abhandlungen, herausgegeben vom Earl of Bridgewater). Diese Bücher haben „Eulen nach Athen getragen“, bei den Lesern offene Türen eingerannt, denn sie wurden dadurch nur in ihrer Auffassung bestätigt; sehr bedauerlich allerdings ist, dass die Autoren dem Abrutschen der Kultur zum Deismus7 und Atheismus nichts entgegensetzten. Sie schlossen einen Kompromiss über das Alter der Erde und verteidigten das Christentum ohne die Bibel, und damit trugen sie in Wirklichkeit zur Schwächung der Kirche bei. Genau das passiert auch heutzutage durch den Vorschlag des „Intelligent Design“.

Der renommierte atheistische Evolutionist und Biologe an der Harvard-Universität, Ernst Mayr, schrieb:

Die [darwinsche] Revolution begann, als offenkundig wurde, dass die Erde uralt war und nicht erst vor 6000 Jahren erschaffen wurde. Diese Erkenntnis war der Schneeball, der die ganze Lawine auslöste.8

Mayr hatte recht mit seiner Aussage, das Alter der Erde (und nicht Darwins Hypothese) habe die Lawine des Unglaubens in Gang gesetzt. Dass die Jahrmillionen eine „Erkenntnis“ der Naturwissenschaft, ein Ergebnis von Forschung seien, darin irrte er allerdings; sie waren vielmehr die Frucht antibiblischer philosophischer Annahmen, aufgrund derer man Gestein und Fossilien zu deuten versucht hatte.

Historiker können belegen, dass Laplace bekennender Atheist war; Buffon, Lamarck, Werner und Hutton waren Atheisten oder Deisten – und Cuvier, William Smith sowie Lyell waren Deisten oder Anhänger eines vagen Theismus.9 Diese Männer, deren Einfluss die Kompromissbereitschaft der Christen beförderte, waren voreingenommen und keine neutralen, objektiven Verfechter der Wahrheit.

Hutton betonte, und das liegt auf einer Linie mit Lyell, Buffon und anderen: „Die Frühgeschichte unseres Erdballs muss erklärt werden durch die Beobachtungen des gegenwärtigen Geschehens … Es dürfen keine Kräfte einbezogen werden, die der ursprünglichen Natur des Erdballs nicht entsprechen, keine Einwirkungen zugelassen werden mit Ausnahme derer, von denen wir das Prinzip kennen.“10 Er bestand also darauf, dass Geologen nur von bekannten, natürlichen, gegenwärtigen Prozessen ausgehen dürfen; eine übernatürlich geschehene Schöpfung und die einzigartige weltweite Flut, wie im 1. Buch Mose beschrieben, schloss er damit aus, noch bevor er jemals einen Blick auf das Gestein geworfen hatte.

Es ist [daher] nicht verwunderlich, dass Hutton die überwältigenden geologischen Belege nicht sah, die Bestätigung für die biblische Lehre über Schöpfung, Sintflut und das Alter der Erde sind. Seit 200 Jahren werden Geologiestudenten aufgrund der Vorannahmen Huttons einer Gehirnwäsche unterzogen – kein Wunder, dass auch sie nicht in der Lage sind, das zu sehen. Wir sollten deshalb nicht überrascht sein, dass die meisten christlichen Führer und Gelehrten die Belege ignorieren. Sie wurden ebenso indoktriniert wie viele einstige Junge-Erde-Kreationisten.

Katastrophale Folgen

Die Bibel-Geologen Anfang des 19. Jahrhunderts widersetzten sich den Geologie-Theorien über eine alte Erde nicht nur deshalb, weil diese wissenschaftlich fehlerhaft argumentierten und der Schrift widersprachen; sie glaubten, ein Kompromiss mit solchen Theorien ziehe katastrophale Folgen für die geistliche Gesundheit der Gemeinde und ihr Zeugnis an eine verlorene Welt nach sich. Der anglikanische Geistliche Henry Cole schrieb:

Viele ehrwürdige Geologen jedoch bekunden ihre Verehrung für die göttliche Offenbarung durch eine Unterscheidung zwischen ihren historischen und ihren moralischen Teilen; sie behaupten, nur bei Letzterem [den moralischen Teilen] handele es sich um inspirierte und absolute Wahrheit, nicht aber bei Ersterem [den historischen Teilen]; damit geben sie philosophischer und wissenschaftlicher Deutung, Modifizierung oder gar Ablehnung [des Wortes Gottes] freie Hand! Laut diesen gottlosen und ungläubigen Modifizierern und Separatoren wäre nicht einmal ein Drittel des Wortes Gottes inspiriert; denn nur so viel – oder noch weniger – davon ist abstrakte moralische Offenbarung, Anweisung oder Gebot. Die übrigen zwei Drittel unterliegen ihnen daher jeder wissenschaftlichen Veränderung und Interpretation; oder (wenn die Wissenschaft es erfordert) sogar einer totalen Verwerfung. Es kann mit Sicherheit behauptet werden: Wer vor den Menschen erklärt, er glaube nicht die Inspiration irgendeines Teils der Offenbarung, der glaubt in Gottes Augen seine gesamte Inspiration nicht … Die Folgen solcher Dinge für ein Land, das Offenbarung besitzt, wird die Zeit auf eine schnelle und furchtbare Art zeigen: im ganzen Land Zweiflertum, Unglaube, Abfall – und die gerechte Rache Gottes für das alles!11

Cole und andere Gegner der Theorie von einer langen Erdgeschichte haben es richtig erkannt: Die Geschichtsberichte der Bibel (einschließlich 1. Mose 1–11) sind grundlegend für die theologischen und moralischen Lehren der Schrift. Rüttelt man an der Glaubwürdigkeit der theologischen Lehren, so wird man früher oder später feststellen, dass auch ihre moralischen Lehren verworfen werden – nicht nur durch Kirchenferne, sondern auch in der Gemeinde.

Wenn die Bibel-Geologen heute lebten und die Grafik mit der Burg sähen, die vom Feind massiv angegriffen wird (siehe nächste Seite), würden sie sagen: „Genau davor haben wir gewarnt!“

Die Entwicklung der einst christlichen Länder in Europa und Nordamerika bestätigt die schlimmsten Befürchtungen jener Bibel-Geologen bezüglich Gemeinde und Gesellschaft.

Die Kirche, insbesondere ihre Leiter und Gelehrten, sollten nicht mehr ihre Augen verschließen vor dem kurzen Alter der Erde und den wissenschaftlichen Belegen dafür, die das Wort Gottes zunehmend bestätigen. Christen sollten umkehren und ihren Kompromiss mit den Jahrmillionen bereuen. Sie sollten wieder glauben und predigen, dass 1. Mose 1–11 Wort für Wort wahr ist, denn diese Kapitel sind die Grundlage für das Evangelium.

Castle Diagram

Genesis 1–11 ist das historische Fundament der Bibel, ohne das alles zusammenbricht!

Dr. Terry Mortenson forscht, schreibt und hält Vorträge für „Answers in Genesis“ (USA), eine christliche Organisation, die den Schöpfungsbericht der Bibel apologetisch untermauert. Er ist Master der Theologie und Doktor der Geschichte der Geologie (Coventry University, Großbritannien) und hält Vorträge zur Schöpfung in über 25 Ländern (https://answersingenesis.org/bios/terry-mortenson/).

Buch: Fragen und Antworten zur Wahrheit der Bibel

In diesem Band geht es vor allem um die Frage „Evolution – Wissenschaft oder Glaube?“

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Footnotes

  1. Mehr über die philosophischen, der Bibel entgegenstehenden Ursprünge dieser Idee von den Jahrmillionen siehe in dem Artikel von Terry Mortenson: „The Historical Development of the Old-Earth Geological Time-Scale“, https://answersingenesis.org/age-of-the-earth/the-historical-development-of-the-old-earth-geological-time-scale/.
  2. Siehe Terry Mortenson, The Great Turning Point: The Church’s Catastrophic Mistake on Geology – Before Darwin. Green Forest, AR: Master Books (2004). Diese revidierte und gekürzte Version seiner Dissertation schildert und bespricht ausführlich diese Männer und ihren Kampf gegen die Theorien einer langen Geschichte der Erde und die Kompromisse der Christen.
  3. C. H. Spurgeon, „Election“ (2. Sept. 1855), The New Park Street Pulpit, vol.1. Pasadena, TX: Pilgrim Publ. (1990), S. 318, oder https://www.spurgeon.org/resource-library/sermons/election, (am Anfang von Punkt 3 über die ewige Gültigkeit der Erwählung). Speziell im Hinblick auf die Geologie äußerte er sich 21 Jahre später ähnlich, in der Predigt „Christ, the Destroyer of Death“ (Christus, der Todesüberwinder) vom 17. Dez. 1876. Metropolitan Tabernacle Pulpit, vol. 22. Pasadena, TX: Pilgrim Publ. (1986), Sermon 1329, S. 697–699.

    Ein Beispiel für seine kurzen Bemerkungen zur Evolution des Lebens („biologische Evolution“) findet sich in seiner Predigt „Hideous Discovery“ (Eine furchtbare Entdeckung) vom 25. Juli 1886: „Was die Wahrheit der Schrift angeht, steht die Evolutionstheorie in jedem Aspekt in direktem Widerspruch zu ihr. Wenn Gottes Wort wahr ist, ist Evolution eine Lüge.

    Ich nehme kein Blatt vor den Mund; jetzt ist nicht die Zeit für Beschwichtigungen.“ Metropolitan Tabernacle Pulpit, Vol 32. Pasadena, TX: Pilgrim Publ. (1986), Sermon 1911, S. 403.

  4. Siehe J. Pipa and D. Hall, Hg., Did God Create in Six Days? Whitehall, WV: Tolle Lege Press (2005), S. 7–16 – eine Dokumentation des traurigen Abrutschens in die Apostasie.
  5. Gleason L. Archer jr., A Survey of Old Testament Introduction. Chicago, IL: Moody Press (1985), S. 187.
  6. Derek Ager, The Nature of the Stratigraphical Record. New York: Wiley (1981), S. 46–47.
  7. Deismus: Gottgläubigkeit aus Verstandesgründen, Glaube an einen Schöpfer, „ein höheres Wesen“, aber im Unterschied zum Theismus und den Offenbarungsreligionen (Judentum, Christentum, Islam) greift dieser Schöpfer nicht weiter in die Welt ein.
  8. Ernst Mayr, „The Nature of the Darwinian Revolution“, Science 176 (1972), S. 988.
  9. Theismus: Gottgläubigkeit aus Verstandesgründen, Glaube an einen oder mehrere Götter. Gott ist der Schöpfer der Welt. Anders als im Deismus erhält er sie und greift lenkend ein; auch Wunder und Offenbarung gelten als möglich.
  10. J. Hutton, „Theory of the Earth“, Trans. of the Royal Society of Edinburgh, 1788, zitiert in: A. Holmes, Principles of Physical Geology. New York: Ronald Press Co. (1965), S. 43–44.
  11. Henry Cole, Popular Geology Subversive of Divine Revelation. London: Hatchard and Son (1834), S. ix–x, 44–45.

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